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14. Mai 2010 in Allgemein

Aus dem Kapitel „Zuviel Stolz“

„Du willst also hier arbeiten.“ Der junge Wirt des Tanzenden Hirschen betrachtete sie abschätzend von oben bis unten und strich sich durch seine spärlichen Haare.
„Ich weiß, ich sehe nicht sehr kräftig aus, aber das täuscht“, meinte Jerusha und versuchte es mit einem Lächeln.
„Hm, das geht schon, glaube ich. Aber eine Magd muss auch noch andere Qualitäten haben, Mädel. Zum Beispiel die hier.“ Grinsend wölbte er die Hände vor der Brust. „Und damit ist es bei dir nicht so gut bestellt.“
Jerusha spürte, wie sie rot anlief. Sie kämpfte gegen den Drang an, sich einfach umzuwenden und davonzugehen. Nein, so schnell gebe ich nicht auf. Verdammt, ich brauche das Geld! „Beurteilt ihr eure Knechte denn auch danach, was sie in der Hose haben?“ fragte sie in unschuldigem Ton und fügte einen kecken Augenaufschlag hinzu.
Der Wirt musste lachen, und Jerusha wusste, dass sie gewonnen hatte.
„Na gut. Ich probier´s mir dir. Fünf Dag pro Woche, dazu freie Kost und Unterkunft für dich und deinen Gaul. Trinkgelder gehören dir. Kannst du gleich anfangen? Geh zu Brin in die Küche, der hat einen Schlüssel zu den Vorratsräumen und gibt dir die Sachen, die du anziehen sollst. Und damit du´s gleich weißt, wenn du einen Kerl mit aufs Zimmer nimmst, dann bekommt das Gasthaus ein Viertel von dem Geld als Anteil.“
Einen Moment lang verschlug es Jerusha die Sprache. Vielleicht sollte sie doch besser ein paar Meilen weiterreiten und in einem anderen Gasthaus nach Arbeit fragen. „So was mache ich nicht.“
„Ja, ja, schon in Ordnung. Nur, ich hab´s dir gesagt, für alle Fälle. Ein Viertel für uns, der Rest für dich.“
Geh doch dahin, wo die Eisenfresser wohnen, Mistkerl! „Ich schaue dann mal bei Brin vorbei“, sagte Jerusha und machte sich auf den Weg in die Küche.
Brin war ein rundlicher Khelgarder mit einem verbitterten Zug um die Mundwinkel. Er murmelte einen Gruß und drückte ihr ihre neue Arbeitskleidung in die Hand. Als Jerusha die Sachen in ihrer Kammer anprobierte, war sie nicht begeistert: Zwar war der Rock knöchellang, doch das vorne geschnürte Oberteil war so geschnitten, dass die Gäste von ihren Brüsten eine Menge zu sehen bekommen würden. Das forderte Missverständnisse heraus. Jerusha verzog den Mund und hakte sich den Rock zu.
Brin wies sie an, Bänke und Boden mit Sand zu scheuern und danach Krüge abzuspülen. Vorratskisten mussten geschleppt, frisches Wasser geholt, Gemüse und Lammfleisch für den Eintopf im großen Kessel gehackt werden. Das alles war langweilig, brachte Jerusha aber nicht ins Schwitzen. Weniger angenehm waren Brins Blicke. Sie merkte, dass er ihre Rückseite eingehend musterte, wenn sie sich bückte, um eine Gemüsekiste zu heben. Aber egal. Sollte er doch. Nach ein paar Tagen hatte sie sich bestimmt daran gewöhnt.
Am späten Nachmittag trafen die ersten Gäste ein, luden ihr Gepäck in den Kammern ab, die ihnen zugewiesen wurden, und kamen dann in die Gaststube. Da es im großen Kessel schon seit einiger Zeit brodelte, durchzogen appetitliche Düfte den Tanzenden Hirschen. Jerusha knurrte der Magen, sie hatte an diesem Tag erst einen Apfel und ein Stück Jakobsburger Wurst gegessen. Doch obwohl Brin ihre hungrigen Blicke sicherlich bemerkte, scherte er sich nicht darum und bot ihr nichts von dem Eintopf an. Darum bitten wollte Jerusha nicht. Wenn sie Pech hatte, lief es hier so, dass die Knechte und Mägde sich erst am Ende des Tages nehmen durften, was die Gäste übrig ließen. Nur die Götter wussten, ob sie bis dahin durchhalten würde.
Die Gäste waren ein bunt gemischtes Völkchen. Drei raue Kerle aus dem gebirgigen Fürstentum Khelgardsland, einer sehr armen Gegend, in der eine Handvoll Clans die Erz- und Edelsteinminen kontrollierten. Einer der drei Männer war ein Welshar, er hatte das typische schmale Gesicht und die spinnenfingrigen Hände. Neugierig beobachtete Jerusha ihn aus den Augenwinkeln. Sie wusste wenig über die Welshar, nur, dass sie berühmte Kletterer waren, aber als nicht ganz menschlich galten.
Weniger unheimlich war ihr ein anscheinend wohlhabendes Ehepaar aus Kalamanca; Jerusha erkannte ihren Akzent sofort, und ein Anflug von Heimweh streifte sie.
„Willkommen“, sagte sie herzlich. „Wie schön, heimatliche Stimmen zu hören. Seid Ihr gerade aus Kalamanca angereist?“
Doch die Frau im edel bestickten Samtkleid musterte sie nur von Kopf bis Fuß und wandte sich dann ab. „Sag ihr, sie soll Blauwein bringen“, meinte sie zu ihrem Mann.
„Bring uns Blauwein, Mädchen“, wiederholte ihr Mann gehorsam wie ein Schaf und blickte Jerusha resigniert an.
„Sehr wohl“, sagte Jerusha förmlich und zog sich zurück. Wahrscheinlich kamen die aus Jakobsburg, der Hauptstadt; dort konnten die Leute angeblich sehr hochnäsig sein. Oder lag es daran, dass sie jetzt nur eine Magd war, und eine recht offenherzig gekleidete noch dazu? Eine Bildhauerin, von der sie sich eine Skulptur erwarteten, hätten die beiden garantiert mit mehr Respekt behandelt.
Jerusha fragte Brin, wo der Blauwein war, und holte eine Flasche davon aus dem Keller. Das Paar ließ sie noch dreimal laufen, weil ihnen die Sorte nicht genehm war. Zum Glück waren die Khelgarder pflegeleichter. Dankbar versenkten sie ihre Löffel in den heißen Eintopf und redeten leise miteinander. Und Brin ließ es sich natürlich nicht nehmen, seinen Landsleuten den Kattis – einen Schnaps aus Kaschuggen – selbst zu bringen.
Nach und nach tauchten noch ein paar Einheimische aus Daressal und den Dörfern der Umgebung auf und versammelten sich in gut gelaunten, lautstarken Gruppen um die Tische. Es war eine Qual, ihnen das duftende Lammgericht zu servieren und selbst keinen Bissen davon probieren zu dürfen. Ich muss mich einfach überwinden und Brin darum bitten, dass ich auch etwas essen darf, auch wenn´s nur ein Stück altes Pfannenbrot ist, dachte Jerusha. Doch jedes Mal, wenn sie Brin sah, wollten ihr die Worte nicht über die Lippen kommen. Und schon riefen die Einheimischen wieder nach mehr Met, und sie musste zum Fass laufen.
„Warum rennst du denn so schnell weg, schöne Maid, bleib doch noch ein wenig“, rief einer der Männer und versuchte, sie auf seinen Schoß zu ziehen.
„Aber nur, wenn einer deiner Kumpels dafür an meiner Stelle das Essen serviert“, gab Jerusha zurück und riss sich los. Ein anderer aus der Gruppe versuchte schnell noch, sie in den Hintern zu kneifen, doch Jerusha konnte ausweichen. Grölendes Gelächter. Jerusha zwang sich, gute Miene dazu zu machen; wenn sie hier die Stammgäste verprügelte, hatte sie im Tanzenden Hirschen keine Zukunft.
Inzwischen war auch der Wirt wieder aufgetaucht, und half ihr sogar beim Servieren und Abräumen. Wohlwollend nickte er ihr zu, anscheinend fand er, dass sie ihre Arbeit ordentlich machte.
Als es draußen schon längst dunkel war, kam noch ein weiterer Gast. Jerusha hörte ein schrilles Wiehern, und die ruhige Stimme eines Mannes, der sein Pferd besänftigte. Kurz darauf kam der Fremde herein. Er blieb lange an der Tür stehen und ließ den Blick durch den Raum schweifen, als wisse er nicht so recht, ob er wirklich bleiben wolle. Jerusha warf ihm nur einen kurzen Blick zu; sie war gerade dabei, verschütteten Met aufzuwischen. Eine klebrige Angelegenheit, und auf der Höhe von fünf Paar dreckigen Stiefeln besonders unschön. Doch als der Mann sich doch noch den Weg in die Gaststube bahnte, musterte sie ihn genauer.
Der Neuankömmling war hochgewachsen und schlank, beinahe hager. Er hatte kurze, dunkelbraune Haare, eine gerade Nase und ein etwas spitzes Kinn. An der einen Seite seines Gesichts verliefen mehrere Narben bis hoch zu den Haaren, und doch fand Jerusha, dass der Fremde gut aussah. Unter dem dunkelroten Umhang war er einfach gekleidet, in ein schlichtes helles Leinenhemd, Hosen und Stiefel. Er trug kein Schwert, und das wunderte Jerusha, denn die Art, wie er sich bewegte, war die eines Kämpfers. Geschwind und zäh wie ein Wolf, kam es ihr in den Sinn.
„He, bist du taub, Mädel? Mehr Met!“ brüllte jemand sie an. Jerusha schrak zusammen.
„Kommt sofort“, entgegnete sie schnell und eilte davon.
Der Mann mit den Narben setzte sich an einen der hinteren Tische in der Nähe des Kamins; von dort aus konnte er den ganzen Raum im Auge behalten. Nachdenklich, fast staunend, ließ er den Blick durch den Raum schweifen.
„Was darf´s sein?“ fragte ihn Jerusha. Der Mann blickte zu ihr hoch, ohne sofort zu antworten, und das Licht der Flammen fing sich in seinen goldbraunen Augen. Freundliche Augen waren es, sie wirkten nicht so hart und abschätzend wie die der Kerle am Tisch daneben. Und immerhin war der Ausschnitt von Jerushas Mieder nicht das erste, was der Neuankömmling musterte – eine nette Abwechslung an diesem Abend.
„Etwas zu Essen, bitte. Was ihr gerade im Haus habt. Und ein Gewürzbier“, sagte er.
„Ach, das ist lustig, ich mag Gewürzbier auch“, entfuhr es Jerusha, und sofort war es ihr peinlich. Was interessierten diesen Mann die Vorlieben seiner Bedienung? Doch er nickte nur, und ein kleines Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. Dieses Lächeln gefiel Jerusha, es machte sie zu Komplizen.
„Kommt sofort“, sagte Jerusha und bewegte sich auf einem Zickzackkurs in Richtung Küche, um die Tische und die nach ihr grabschenden Hände herum. Ihr war schwindelig vor Hunger. Wie spät war es eigentlich? Wann schloss dieses verfluchte Gasthaus endlich? Und wann waren die Bediensteten endlich dran mit ihrer Mahlzeit? Im Kessel war nicht mehr viel drin, verdammt, womöglich bekam sie gar nichts mehr davon ab! Dann sah´s nach trockenem Brot aus.
Vorsichtig trug sie einen Teller mit dem Lammeintopf und das Gewürzbier zu dem hinteren Tisch, doch als sie beides vor den Mann stellen wollte, wurde ihr wieder schwindelig, und sie setzte den Teller härter ab, als sie beabsichtigt hatte. Prompt schwappte er über. Jetzt wären eigentlich wortreiche Entschuldigungen fällig gewesen, sie hätte in die Küche rennen müssen, um einen Lappen zu holen. Doch einen Moment lang konnte Jerusha einfach nur auf diese braune Lache starren, ihr Kopf war vollkommen leer und ihr Körper wollte einfach nicht mehr gehorchen.
„Was ist los?“ Die ruhige Stimme des Fremden.
„Ich –“, Jerusha stockte.
„Krank? Nein, Ihr habt Hunger, stimmt´s? Kommt, setzt Euch. Der Eintopf reicht für zwei.“
Jerusha fühlte sich so schwach, dass sie einfach gehorchte und sich auf den Stuhl neben dem Fremden sinken ließ. Er schob ihr den Teller zu, ohne auf die verschüttete Suppe zu achten, und drückte ihr den Löffel in die Hand. War das ein Traum? Egal. Jerusha begann zu essen, und das Lamm schmeckte himmlisch, zart und würzig.
„He, was soll das denn?“ Die entgeisterte Stimme des Wirts. Wahrscheinlich konnte er nicht fassen, dass seine Magd einem Gast die Suppe wegaß. Jerusha konnte ihn gut verstehen. Sie selbst konnte es auch noch nicht recht glauben.
„Diese Dame leistet mir ein wenig Gesellschaft“, sagte der Fremde. „Ihr habt doch sicher nichts dagegen?“
Der Wirt stutzte, und plötzlich hellte sich sein Gesicht auf. „Natürlich nicht“, sagte er mit einer schnellen Verbeugung, und nun war er es, der hin- und hereilte, um die anderen Gäste zu bedienen.
Jerusha verging der Appetit. Lief das so? Hatte sie gerade irgendetwas zugestimmt? Erwartete der Kerl, dass sie nachher mit ihm aufs Zimmer kam? Schließlich hatte auch er gesehen, wie sie gekleidet war.
Sie wandte sich dem Mann zu, suchte nach Worten. „Nur damit es klar ist… ich bin keine, äh –“
„Keine Sorge“, sagte der Mann ruhig. „Alles ohne Bedingungen. Einfach nur ein Geschenk. Ich weiß, wie das ist, wenn man Hunger hat.“
Verlegen merkte Jerusha, dass sie mehr als die Hälfte des Tellers geleert hatte. Sie legte den Löffel hin und schob den Eintopf zurück. „Danke. Das hat mich gerettet.“
Wieder dieses kleine Lächeln. „Sonnig. Dann kann es mich wohl auch noch retten.“
Ohne Umstände nahm er den Löffel zurück, und innerhalb kürzester Zeit war der Rest der Suppe verschwunden.
„Keine Sorge, ich verlange jetzt nicht auch noch, dass Ihr mit mir das Gewürzbier teilt.“ Jetzt, mit etwas im Magen, war Jerusha wieder nach Scherzen zumute. Eigentlich hätte sie aufstehen müssen, doch es war schöner, neben diesem eigenartigen Mann sitzen zu bleiben. Er strahlte Gelassenheit aus, und Kraft. Aus irgendeinem Grund vermutete sie, dass er ein Earel war – Oberhaupt eines Clans – doch er trug keine Insignien, die das bestätigten.
„Ihr habt doch sowieso nichts verlangt“, sagte der Fremde. „Ich glaube, Ihr leidet an der gleichen Krankheit wie ich – zuviel Stolz.“ Wieder richteten sich seine goldbraunen Augen auf sie, und ihr fiel auf, dass etwas an ihnen eigenartig war. Es war, als blickten seine Augen sie nicht nur an… sondern in sie hinein.
„Ja“, sagte Jerusha, und diesmal war sie es, die lächelte. „Ich glaube, das stimmt.“
Sie stand auf. Ihre Arbeit war noch nicht beendet. Doch es gab etwas, das sie zuvor unbedingt wissen wollte. „Wie heißt Ihr?“
„Kiéran, aus dem Clan SaJintar. Und Ihr?“
„Jerusha KiTenaro.“
Der Name seines Clans kam ihr vage bekannt vor. Aus Benaris und Kalamanca stammte er nicht. Womöglich aus Yantosi? Jerusha wusste nicht viel über dieses Fürstentum, nur, dass es dicht bewaldet und von Schluchten und Seen durchzogen war; angeblich bedeute Yantosi in einer alten Sprache einfach nur Tiefwald. Oder kam er aus dem Küstenreich Larangva? Wie ein Khelgarder sah Kiéran nicht aus, die Männer aus den Bergen waren gedrungener, nicht so groß und schmal wie er.
Wieso interessiert dich das eigentlich? forderte Jerusha sich heraus. Er ist ein Gast wie jeder andere. Morgen wird er abreisen, und du siehst ihn nie wieder. Doch als sie wieder an die Arbeit ging, wollte das Lächeln nicht mehr von ihrem Gesicht weichen. Es hatte gut getan, nicht wie eine Magd behandelt zu werden. Nicht mal geduzt hatte er sie.
Den Rest des Abends behielt Jerusha Kiéran unauffällig im Auge. Er saß noch eine Weile in der Gaststube, bestellte aber nichts mehr; dann sprach er kurz mit dem Wirt, schulterte sein Gepäck und ging langsam die Treppe hoch zu den Kammern, immer eine Hand am Holzgeländer. Also übernachtete er hier. Wer er wohl war? Ein Händler? Ein Bote? Ein Söldner?
Mit einem Seufzer der Erleichterung hörte Jerusha schließlich, dass der Wirt die letzte Runde ausrief. Kurz darauf war die Gaststube leer, und Jerusha schnappte sich einen Besen, um den Boden noch ein letztes Mal an diesem Abend zu fegen. Doch als sie aufblickte, sah sie, dass der Wirt vor ihr stand. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, und sein Blick kündigte Unheil an. „So, Mädel, und jetzt erklärst du mir mal, was hier vorgeht. Wieso bist du nicht mit dem Kerl hochgegangen? Erst lässt du dich von ihm einladen, und dann lässt du ihn sitzen. Ganz arm war der sicher nicht, da ist uns ordentlich Geld durch die Lappen gegangen!“
Erst konnte Jerusha es nicht glauben, dann stieg heftiger Zorn in ihr auf. Sie schleuderte den Besen in eine Ecke. „Ich höre wohl nicht Recht! Wenn ich gewusst hätte, was für ein widerlicher Wurm Ihr seid, hätte ich einen weiten Bogen um dieses Rattenloch von einer Schänke gemacht!“
Immerhin, er blickte erschrocken drein. Jerusha stürmte nach oben, um sich die geliehene Kleidung vom Leib zu reißen und ihre eigenen Sachen anzuziehen. Atemlos vor Wut packte sie die Satteltaschen und rannte wieder herunter, um Amadera zu holen. Hoffentlich hatte die wenigstens ein bisschen Hafer bekommen, sonst hatte Jerusha den ganzen Tag lang buchstäblich umsonst geschuftet!
Amadera döste zufrieden in ihrer Box, ein Heuhalm hing ihr aus dem Maul und in einem Eimer war noch ein Rest Getreide. Die Stute spitzte erstaunt die Ohren als ihre Herrin in den Stall gestürmt kam, und fegte ein paar Mal irritiert mit dem Schweif. Jerusha hatte schon herausgefunden, dass ihr Pferd es hasste, wenn jemand fahrig oder nervös mit ihm umging. Also zwang sie sich zur Ruhe, und zum Dank ließ sich Amadera geduldig satteln und in den Hof führen.
Kurz darauf war Jerusha wieder unterwegs.

Kiéran brauchte lange, um einzuschlafen. Wie gut es ihm getan hatte, mit dieser jungen Frau zu reden! Er hatte sie nur als Schatten gesehen, viel mehr als die Umrisse ihres Körpers konnte er nicht erkennen, doch das war weniger schlimm gewesen als erwartet. Vielleicht deshalb, weil sie all seine Sinne angesprochen hatte. Klar und deutlich erinnerte er sich an ihren Nachtlilienduft. An ihre Aura, die sonnengelb und dunkelblau strahlte. An ihre Stimme, die nach einem Sommertag klang, leicht und froh. Und das, obwohl es ihr gerade nicht gut ging. Das hatte nicht zuletzt ihre Aura verraten, die Art, wie sie immer schwächer wurde. Was genau mit ihr los war, hatte er dann schließlich ohne diese Hilfe erraten.
Jerusha KiTenaro…
Er freute sich schon darauf, sie am nächsten Morgen wiederzutreffen. Vielleicht würde er ihr dann erzählen, dass er vor zehn Jahresläufen – am Hof von Fürst Ceruscan in Yantosi – Ijema KiTenaro getroffen hatte. Eine außergewöhnliche Frau, die ihn damals beeindruckt hatte. Warum diente ihre Verwandte als Magd in einem so üblen Gasthof wie diesem? Verkaufte sie ihren Körper? Hoffentlich nicht, das hatte sie nicht verdient.
Auch sein Magen war es, der ihn wachhielt. Auf einen Nachschlag des leckeren Eintopfs hatte er verzichten müssen, sonst hätte das Geld nicht mehr für die Übernachtung gereicht. Egal. Es war die Sache wert gewesen.
Kiérans Gedanken kehrten zu den Nachtlilien zurück. Sie waren selten, aber ein paar Mal hatte er schon welche gesehen. Seiner Meinung nach waren es faszinierende Blumen mit herrlichem Duft, doch er hatte nie versucht, eine davon für Marielle zu pflücken – das brachte angeblich Unglück, und sie verdorrten sowieso über Nacht, selbst wenn man sie sofort ins Wasser stellte. Und manche Leute schienen Nachtlilien ohne Grund zu hassen und zertrampelten sie, wenn sie irgendwo welche sahen.
Kiéran hatte den Wirt darum gebeten, ihn bei Sonnenaufgang zu wecken, und zum Glück dachte der Mann daran. Kiéran wusch sich schnell und packte seine wenigen Besitztümer zusammen, dann lief er mit federnden Schritten die Treppe hinunter. Es gab frisches Malzbrot mit Käse und geräuchertem Flussfisch als Morgenspeise – doch es war nicht Jerusha, die servierte. Kiérans gute Laune verpuffte. Wo war sie? Vielleicht hatte sie in der Küche und im Keller zu tun. Doch obwohl er absichtlich langsam aß, tauchte sie nicht auf.
„Wo ist eigentlich das nette Mädchen, das gestern bedient hat?“ fragte er den Wirt schließlich.
„Nettes Mädchen? Diese Sumpfnatter hat mich einfach im Stich gelassen. Soll sie doch ins Bett steigen, mit wem sie will, meinetwegen mit dem ganzen Dorf! Ich selber hätte ja keinen Ulder dafür ausgegeben, dass sie es mit mir treibt.“
Also doch, dachte Kiéran, und in seinem Inneren war ein seltsames Gefühl, eine Leere, die er zuvor nicht gespürt hatte. Er nickte wortlos und zahlte seine Unterkunft. Dann sattelte und zäumte er Reyn, der zum Glück etwas ruhiger geworden war durch den langen, harten Ritt gestern. Schließlich gelang es Kiéran sogar, das Mädchen aus seinen Gedanken zu verdrängen.


6 Kommentare zu...
“Leseprobe”
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Kathi

Tolle Idee und super schön geschrieben, macht wirklich Lust auf mehr :)


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Dafina

Ja, dem schließe ich mich an :)
Ich glaub ich kauf mir das Buch ;D


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Anna

Ein wirklich wundervolles Buch.
Ich habe es zum Geburtstag bekommen und konnte es gar nicht mehr aus der Hand legen.
Eine tolle Mischung aus Fantasy und Liebesgeschichte.
Einfach toootal toll.


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Sarah

Dieses Buch ist einfach der Hammer!!!
Respekt!!!


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Anna

Gibt es vielleicht noch eine Vortsetzung oder noch andere Bücher von Siri Lindberg??

Das Buch ist mein absolutes Lieblingsbuch!!


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Leona

Das Buch ist wirklich so toll ich hab es mir damals ausgeliehen aber wenn ich die Leseprobe lese will ich direkt wieder das ganze Buch lesen.
Aber ich finde alle Bücher von Siri einfach nur toll !




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Ihr Kommentar:

Am besten kann ich mir die Schauplätze vorstellen, wenn ich sie zeichne – also entstanden während der Planungsphase für „Nachtlilien“ stapelweise Skizzen. Als allerererstes zeichnete ich mir natürlich eine Karte von Ouenda, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wo sich was befindet. Während des Schreibens änderte sich allerdings noch einiges, ich verlegte ganze Städte, Berge, Regionen. Es hat durchaus etwas für sich, Gott spielen zu können :-)

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Am Anfang war es nur eine Idee und ein schlichter Eintrag in meinem Ideenbuch, so etwa Mitte 2007: »Mädchen will versuchen, den auf ihrer Familie lastenden Fluch zu lösen. Forscht in ihrer Vergangenheit. Wird begleitet von einem jungen Priester, kann ihm nicht beichten, was ihre Vorfahren schreckliches getan haben.« Ein paar Seiten weiter findet sich noch die Eintragung: »Berufe: Traumweberin/Traumhändlerin« und eine von mehreren Listen, auf denen ich Namen für zukünftige Romane notiert hatte, darunter auch »Jerusha«.

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