Zusätzliche Szene – Kiéran in Loreshom
Der Schluss des Romans war ursprünglich länger, ich hatte noch beschrieben, wie Jerusha Kiéran ihrer Familie vorstellt. Im endgültigen Buch habe ich mich für einen knapperen Schluss entschieden. Aber hier auf der Homepage könnt ihr die Szene, die rausgefallen ist, nachlesen!
Zwei Tage lang blieben sie noch in Queres, dann hatte sich Kiérans Körper an das neue Amulett gewöhnt, oder das Amulett sich an ihn. Und auch Tarxas und Jerusha waren sich nicht mehr fremd.
„Wahrscheinlich hast du mich nach diesem Streit an der Grenze für eine Hexe gehalten, die seine Seele verschlungen hat, oder?“, fragte Jerusha ihn verlegen, als Kiéran gerade draußen übte.
Tarxas schüttelte den Kopf. „Eine Hexe hätte das nicht gesagt – dass ich auf ihn achten soll“, brummte er. „Ich glaube, du tust ihm gut, und bei Xatos, er kann´s gebrauchen. Die Sache mit Santiago…“
„Ja“, sagte Jerusha still. „Ich weiß.“
Bald darauf war die Zeit des Abschieds gekommen, Kiéran und sie ritten nach Westen – es war nicht weit nach Kalamanca von hier aus – und Tarxas kehrte zurück zur Quellenveste.
Als Kiéran und sie sich am frühen Abend Loreshom näherten, merkte Jerusha, dass ihr das Herz bis zum Hals schlug. Einen Moment lang sah sie das Dorf, das vor ihnen lag, so wie es wahrscheinlich einem Fremden erschienen – ein bedeutungsloser Weiler in den sumpfigen Niederungen des Lint, kaum drei Dutzend Höfe, von denen die meisten frische Farbe auf den Mauern hätten vertragen können. Nicht mal ein Gasthaus gab es.
„Das ist es schon – ganz schön winzig, was?“ meinte Jerusha mit einer Grimasse. Wahrscheinlich war ganz Loreshom zusammengenommen kleiner als die Quellenveste!
Nachdenklich blickte Kiéran sich um, ließ den Blick über das Dorf schweifen. „Jedenfalls war es irgendwann zu klein für dich.“
Ja, das stimmte. Aber es war noch immer ihre Heimat, ein ganz besonderer Ort. Nicht zum ersten Mal fragte sich Jerusha, wie ihre Familie, ihre Freunde und Nachbarn es aufnehmen würden, dass es so bald nach dem stürmischen Ende ihrer Verlobung einen neuen Mann in ihrem Leben gab. Jerusha hatte Liri einen Brief geschickt, um Kiéran anzukündigen, ganz unvorbereitet war ihre Familie also nicht… doch eine Antwort war keine gekommen.
„Wenigstens lebt Dario nicht mehr hier, mein ehemaliger Verlobter.“ Jerusha seufzte tief. „Ich glaube, es wäre keine gute Idee gewesen, euch miteinander bekannt zu machen. Ein bisschen Sorgen macht mir, wie meine Großmutter dich aufnehmen wird… sie liebt die AoWestas nicht gerade…“
Kiéran wandte sich ihr zu, und um seine Lippen spielte ein Lächeln. „Du bist nervös, ich bin nervös – bringen wir´s hinter uns, in Ordnung? Ich bitte dich nur um eins…“
„Was denn?“
„Sag deiner Familie gleich, dass ich kein Fiudi mag.“
Jerusha musste lachen, und ihre Anspannung löste sich ein wenig. „Wenn´s weiter nichts ist… versprochen!“
Sie ritten an den Gemeindescheunen am Ortseingang vorbei und ließen sich dann im stillen Einverständnis aus dem Sattel gleiten, um zu Fuß durch Loreshom zu gehen. Als sie gerade die alte Bäckerei passiert hatten und sich der Brücke über den Lint näherten, begegneten sie Pacuro, dem alten Ortsvorsteher. An seinem prallvollen Rucksack sah Jerusha, dass er mal wieder eine Menge rostiges Eisen aus alter Zeit erbeutet hatte.
Jerusha hob die Hand zum Gruß und lächelte. Freundlich nickte Pacuro ihr zu, doch dann musterte er Kiéran aus schmalen Augen. „Woher und wohin, Fremder?“
„Von weither komme ich“, sagte Kiéran. „Und ich bin unterwegs zu einem Ort, an dem die Nachtlilien blühen.“
„Das mag verstehen, wer will“, knurrte Pacuro. „Offenbart Ihr wenigstens, wie lange Ihr zu bleiben gedenkt?“
Jerusha konnte kaum glauben, was sie hörte. Eine herzliche Begrüßung ist das nicht gerade – Loreshom zeigt sich von seiner schlechtesten Seite!
„Pacuro, er ist ein Freund von mir“, hakte sie schnell ein. „Kiéran wird bei uns wohnen.“
Jetzt wandte sich Pacuro direkt an sie, noch immer wirkte er misstrauisch. „Und sein Clan-Name? Warum hast du nicht Bescheid gesagt? Dann hätten wir…“
„SaJintar“, sagte Kiéran. „Ich gehöre dem Clan SaJintar an.“ Plötzlich hatte seine Stimme einen Klang, der Jerusha an die Quellenveste denken ließ; dieser Mann neben ihr war gewohnt, mit Sir angeredet zu werden. Unwillkürlich straffte der Ortsvorsteher von Loreshom die Schultern, seine Miene war verwirrt; vielleicht dachte er darüber nach, ob er sich nicht besser verbeugen sollte.
„Jetzt sag schon, was hast du diesmal gefunden, Pacuro?“ fragte Jerusha hastig.
Das Ablenkungsmanöver gelang, Pacuro ging in die Hocke, griff in seinen abgewetzten Leinenrucksack und zog stolz einen schwarz angelaufenen Silberdraht hervor, auf den mit Symbolen beschriftete Metallperlen gefädelt waren. „Lag eine Elle tief unter dem Sand. Ich weiß zwar nicht genau, was es ist, aber es wird meine Sammlung hervorragend ergänzen…“
Kiéran warf nur einen kurzen Blick darauf. „Das ist Teil eines Kreuzdrahts, mit dem man Botschaften verschlüsseln kann“, sagte er beiläufig. „Die Dinger wurden vor allem in der Dynastie der RegTeryn verwendet und waren damals hochgeheim. Heute werden sie fast nicht mehr benutzt.“
Pacuro richtete sich auf, und ein begeistertes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Diesmal war der Blick, mit dem er Kiéran musterte, eindeutig wohlwollend. „Ghalils Schande, darauf wäre ich in tausend Jahresläufen nicht gekommen! Wieso habt Ihr nicht gleich gesagt, dass Ihr Euch mit Altertümern auskennt?“
Bevor Jerusha es sich versah, waren Pacuro und Kiéran in ein Gespräch über antike Waffen und Strategien vertieft. Bis schließlich Kiéran nach einem Seitenblick auf Jerusha vorsichtig zu bedenken gab, dass sie allmählich weiter mussten. Doch erst nachdem sie versprochen hatten, möglichst bald auf einen Cayoral vorbeizukommen, ließ Pacuro sie ziehen.
„Nicht alle Leute hier sind so unhöflich gegenüber Fremden“, versuchte sich Jerusha zu entschuldigen und nahm Kiérans Hand. „Pacuro ist eigentlich ein netter Kerl, er hat es sicher nicht so gemeint.“
„Er hat mein Schwert bemerkt und wollte sichergehen, dass ich nicht auf Ärger aus bin“, sagte Kiéran nüchtern und grüßte die jungen Frauen, die gerade vorbeigingen – darunter Irini, das große Plappermaul von Loreshom. Na, jetzt weiß es innerhalb von kürzester Zeit jeder, dass ich Besuch habe, ging es Jerusha durch den Kopf. Irini grüßte kokett zurück, und sobald Kiéran weitergegangen war, spitzte sie den Mund, hob die Augenbrauen und lächelte Jerusha verschwörerisch zu. Was sollte das heißen – „gute Wahl?“ O ja, Kiéran war eine gute Wahl, aber das hatte nichts damit zu tun, dass er blendend aussah, auch Dario war keineswegs hässlich gewesen.
Und dann waren sie da, standen vor dem Hof der KiTenaros. Jerusha holte tief Luft. „Gehen wir rein“, sagte sie und schob die Tür auf.
***
Es war ein seltsames Gefühl, hier zu sein. Das alles gehörte zu ihr, zu Jerusha. Dieses Dorf mochte hundert anderen gleichen, durch die Kiéran schon geritten war, und doch war es einzigartig, denn es war der Ort, an dem sie aufgewachsen war. Was war das für ein Gebilde, das sich schwach gegen die Dunkelheit abzeichnete? Eine Brücke. Sicher war sie als Kind darüber gelaufen, mit nackten Füßen und wehendem Rock. Wenn es heiß war, hatte sie ihre bloßen Füße im Dorfteich gekühlt, und aus dem Lehm des Ufers ihre ersten Skulpturen modelliert…
Der Ortsvorsteher war ein gewissenhafter Mensch, und Kiéran wusste selbst nicht so recht, warum er ihm zuerst etwas geantwortet hatte, das so ausweichend klang. Doch, ich weiß es… ich habe ganz spontan meine Gefühle in Worte gefasst… und natürlich hat der Mann das nicht verstanden. Wie sollte er auch.
Als ihm der Duft der Nachtlilien in die Nase stieg, wusste er, dass sie den Hof der KiTenaros erreicht hatten. Er erkannte die schwarzvioletten Blüten, sie hoben sich deutlich von der Dunkelheit ab, und er verharrte einen Moment, um sie zu betrachten. Angekommen, dachte er. Ich bin endlich angekommen.
Er folgte Jerusha durch die Tür – und stieß sich dabei so heftig den Kopf am Balken über der Tür, dass er bunte Funken sah. Mit schmerzverzogenem Gesicht duckte sich Kiéran durch die Öffnung und sah sich drei Gestalten gegenüber, von denen zwei die schwächste Aura hatten, die er jemals bei einem gesunden Menschen gesehen hatte. Sonnengelb musste sie einmal gewesen sein, wie Jerushas, doch jetzt wirkten sie wie ausgeblichen.
„Das ist er also“, sagte eine der Gestalten, der Stimme nach eine alte Frau, Jerushas Großmutter. „Musste es denn jemand aus Yantosi sein, Jerusha? Du weißt doch, aus Yantosi kommt nichts Gutes.“
„Jedenfalls hat er einen harten Schädel“, mischte sich die vergnügte Stimme eines Mädchens ein, das musste Jerushas Schwester Liri sein. „Sonst wäre er eben zu Boden gegangen.“
„Mir scheint, er hat genauso schlechte Augen wie du, Jerusha“, sagte die dritte Gestalt, vermutlich Jerushas Mutter.
Kiéran musste lachen. „Noch schlechter“, sagte er, und dann drückte ihm irgend jemand einen mit kühlem Wasser getränkten Lappen in die Hand, Jerushas Schwester schob ihm einen Stuhl hin und ihre Mutter einen Becher mit dampfend heißem Cayoral.
Kiéran bedankte sich und beschloss, den Spruch über Yantosi einfach zu ignorieren. Sein Vater hatte immer mit einem Lächeln und einem Witz darauf reagiert… das hatte Kiéran nie geschafft, aber er regte sich auch längst nicht mehr darüber auf. Vielleicht, weil Yantosi nicht wirklich der Ort war, dem er sich verbunden fühlte.
Während Jerusha ihre Verwandten begrüßte, lehnte Kiéran sich zurück und trank einen Schluck, um sich währenddessen in Ruhe umsehen zu können. Doch daraus wurde nichts. Kaum saß er, da wurden schon die ersten Fragen auf ihn und Jerusha abgeschossen. „Wo habt ihr euch kennengelernt? Habt ihr euch gleich verliebt? Aus was für einem Clan stammst du eigentlich, Kiéran? Was ist deine Berufung?“ Liri hatte eine frühlingsgrüne Aura, die Kiéran schmerzlich an Santiago erinnerte. Und sie schien so neugierig zu sein wie eine junge Katze.
„Er ist ein Kämpfer, siehst du das nicht?“ mischte sich die brüchige Stimme von Jerushas Großmutter ein. „Sonst hätte er im Haus seine Waffe abgelegt. In wessen Dienst steht Ihr, Kiéran?“
Sie beobachtet gut, ging es Kiéran durch den Kopf. Es war unhöflich von mir, das Schwert nicht abzulegen, aber ich bin nicht auf die Idee gekommen, es zu tun. „Jetzt in keinem mehr“, sagte er. „Aber bis vor kurzem war ich Escadrán bei den Terak Denar, im Dienst von Fürst AoWesta. “
Die Familie schien in der Bewegung zu erstarren. Trotzig nahm Jerusha Kiérans Hand, doch auch ihre Stimme klang seltsam heiser, als sie fragte: „Es waren sicher keine Terak Denar, die damals Onkel Thimmes mitgenommen und hingerichtet haben, oder, Großmutter?“
Das Schweigen erschien Kiéran endlos, doch er brach es nicht und wartete darauf, dass das Urteil über ihn gefällt werden würde. Eine Familientragödie. Vielleicht hatte es etwas mit dem Fluch zu tun. Muss schon eine Generation her sein. Kann es sein, dass wir das tatsächlich getan haben? Unter der Herrschaft von Evrin AoWesta war manches anders, sagt man, und nicht gerade besser.
„Ich erinnere mich an die eisige Verachtung in ihren Augen, an ihre harten Stimmen, an das Wappen der AoWestas auf ihren Uniformen, Quelle und Schwert…“ Immer leiser klang die Stimme der alten Frau.
„Welche Farbe hatten die Uniformen?“ drängte Jerusha, und das Beben in ihrer Stimme entging Kiéran nicht. „Weißt du das noch? Bitte denk nach.“
„Es war dunkel, und ich hatte schreckliche Angst, ich habe nicht viel gesehen… sie waren schwer bewaffnet… aber ja, an die Farbe erinnere ich mich noch. Blau war es, und Grau.“
Kiéran war erleichtert. „Dann waren es gewöhnliche Wachen. Die Terak Denar tragen Rot und Grau. Es hätte mich auch gewundert, wenn unsere Leute an sowas beteiligt gewesen wären; sie werden für den Schutz der Quellenveste eingesetzt, oder für besondere Aufgaben.“
„Feinde des Fürsten zu vernichten könnte man sehr wohl als eine besondere Aufgabe bezeichnen.“ Diesmal war es Jerushas Mutter, die sprach.
„Wir sind keine Henker!“ Kiéran merkte, dass er doch noch ärgerlich wurde. Die Terak Denar waren in Ouenda berühmt, nicht berüchtigt, und er war es nicht gewohnt, sich so verteidigen zu müssen. Unter normalen Umständen wäre er jetzt aufgestanden und gegangen.
Doch es war Jerusha, die aufstand. Ihre Stimme war voll unterdrückter Wut. „Mutter, ich glaube, jetzt wäre eine Entschuldigung angebracht. Oder wäre es besser, wenn wir gehen?“
Liri stieß einen erschrockenen Laut aus. „Oh, bitte, geht nicht! Shani, bitte bleib!“
„Du brauchst nicht zu betteln, Liriele“, sagte Jerushas Mutter, und diesmal klang ihre Stimme einfach nur müde. „Kiéran SaJintar, es tut mir Leid. Ich habe Euch nicht so behandelt, wie es einem geschätzten Gast zusteht, und meine Bemerkung war taktlos.“
Auch Jerushas Großmutter nickte jetzt. „Meine Tochter Myrial hat recht. Wir haben Euch durch die Augen der Vergangenheit gesehen, und das war falsch.“
Kiérans Ärger verebbte. „Ich akzeptiere die Entschuldigung“, sagte er und nahm noch einen Schluck von seinem Cayoral. Bin ich denn ein geschätzter Gast? Ja, ich glaube schon – trotz allem. Er musste grinsen. Anscheinend war dieser Dario noch schlimmer als ich. Ich wette, sie mochten ihn nicht besonders. „Kann sich der geschätzte Gast irgendwie nützlich machen? Braucht ihr noch Brennholz, oder Wasser? Ich muss ja wohl beweisen, dass aus Yantosi doch manchmal was Gutes kommt.“
Liri sprang sofort darauf an. „Gute Idee, könntest du Wasser holen? Die blöden Eimer sind noch schwerer als Shimounahs Herz nach ihrer Verbannung.“
Während des gemeinsamen Nachtessen gingen sie immer entspannter miteinander um, und als Jerusha und ihre Mutter über einen seiner Witze lachten, wusste Kiéran, dass er sich heute keinen Schlafplatz unter freiem Himmel würde suchen müssen. Zu später Stunde brachte Jerusha aus irgendeiner verborgenen Ecke sogar noch eine Flasche Yannisfelder Sommerwein zum Vorschein. „Den haben wir für besondere Gelegenheiten aufgehoben. Machen wir das Ding einfach mal auf. Damit du nicht sagen kannst, du seist nie so übel empfangen worden wie in Loreshom…“
Kiéran lächelte schief. „Kann ich sowieso nicht behaupten – auf Ger Iena war es viel schlimmer.“
„Du warst auf Ger Iena, am Hof von Fürst Ceruscan?“ Liri klang fasziniert. „Was ist denn passiert?“
„Als ich mit acht Jahren das erste Mal dort war, hat mich der Küchenmeister mit einem Jungen aus dem Dorf verwechselt, der ihm einen Kuchen gestohlen hatte. Er hat mich einfach gepackt und meinen Kopf in eine der großen Regentonnen getunkt. Zum Glück konnte ich mich losreißen, aber es war nicht sehr schlau von mir, mich danach ins Innere der Burg zu flüchten. Dort habe ich mehrere kostbare Teppiche durchtränkt und bin prompt wieder rausgeworfen worden…“
„Wie gemein!“ Jerusha klang halb mitfühlend, halb amüsiert. Sie steuerte noch ein paar Erinnerungen aus Loreshom bei und gab schließlich preis, wie sie Kiéran kennengelernt und wofür er sie zu Anfang gehalten hatte. Liri, die ein Glas Sommerwein hatte mittrinken dürfen, konnte gar nicht mehr aufhören zu kichern und wurde zu Bett geschickt. Bald darauf zog sich auch ihre Großmutter nach nebenan, in ihr eigenes Häuschen, zurück.
Jerusha gähnte, sagte: „Ich gehe kurz mal nach den Pferden sehen“, und verschwand nach draußen. Plötzlich waren Jerushas Mutter Myrial und Kiéran ein paar Momente lang allein. Als Myrial ihm langsam das Gesicht zuwandte – sah sie ihn jetzt durchdringend an? – ahnte Kiéran, dass sie ihm etwas zu sagen hatte.
„Wirst du hier bleiben, in Loreshom?“ fragte Myrial, auf einmal klang ihre Stimme nüchtern.
Kiéran wusste nicht, was er antworten sollte. Noch hatten er und Jerusha nicht über ihre Zukunft gesprochen, es war genug gewesen, von einem Tag zum nächsten zu leben. „Vielleicht. Oder in Mandeth, in der Nähe der Tempelbaustelle.“
„Und was wirst du tun, welches Ziel wirst du haben? Ohne Beschäftigung wird ein Mann wie du es hier nicht aushalten, schon nach einem Mond wird es dich wieder hinaustreiben in die Welt. Und das wird meiner Tochter das Herz brechen.“
Kiéran stand auf, ging zum Fenster und blickte hinaus, in die von zarten Linien durchzogene Dunkelheit. Hatte sie recht? Ja. Einen Mond lang zu rasten war sicher kein Problem, aber längere Zeit untätig in einem Dorf zu verbringen war ohne Zweifel mehr, als er aushalten konnte…
Doch dann dachte er an die Eliscan, die mit ihrem Heer vielleicht gerade zur Grenze marschierten. Die vielleicht bald hierher kamen, nach Kalamanca, und alles bedrohten, was Jerusha etwas bedeutete. Und plötzlich wusste er, was er Myrial antworten wollte, antworten musste. „Ich habe sehr wohl eine Aufgabe hier, und ich fürchte, sie ist wichtig. Aber ich kann nicht darüber sprechen. Noch nicht. Es tut mir leid.“
Ihr Gesicht war nur ein Schatten in der Dunkelheit, es war unmöglich, den Ausdruck darauf zu erkennen. „Und diese Aufgabe hält dich hier?“
„So ist es.“
„Dann danke ich den Göttern dafür.“
„Nein“, entfuhr es Kiéran. „Wir schulden den Göttern keinen Dank. Nicht dafür! Wenn du jemandem danken willst… dann den Drachen.“ Ohne Koriónas hätte er keine Zukunft gehabt, oder höchstens eine voller Schmerzen und Finsternis.
Er hatte erwartet, dass Jerushas Mutter verblüfft reagieren würde, doch sie überraschte ihn. Ihre Stimme klang nicht einmal erstaunt, als sie sagte: „Ja. Danken sollten wir ihnen.“
Und Kiéran fragte sich, wieviel sie über den alten Pakt der KiTenaros mit den Drachen wusste. Wieviel sie ihrer Tochter in Wirklichkeit verschwiegen hatte.
Vielleicht würde es nie jemand erfahren.

“Zusätzliche Szene – Kiéran in Loreshom”