Autorin

Entstehungsgeschichte

18. Mai 2010 in Hintergründe

Am Anfang war es nur eine Idee und ein schlichter Eintrag in meinem Ideenbuch, so etwa Mitte 2007: »Mädchen will versuchen, den auf ihrer Familie lastenden Fluch zu lösen. Forscht in ihrer Vergangenheit. Wird begleitet von einem jungen Priester, kann ihm nicht beichten, was ihre Vorfahren schreckliches getan haben.« Ein paar Seiten weiter findet sich noch die Eintragung: »Berufe: Traumweberin/Traumhändlerin« und eine von mehreren Listen, auf denen ich Namen für zukünftige Romane notiert hatte, darunter auch »Jerusha«.
Mir war auch klar, dass das Thema Blindheit – das mich schon sehr lange fasziniert – und ein Spiegel eine wichtige Rolle spielen sollten. Ein Spiegel, der seinem Besitzer eine eigenartige Sehkraft zurückgeben sollte, zum Beispiel dadurch, dass sich darin ein fremdartiges Wesen verbarg … ich diskutierte kurz mit einem Freund von mir im Café darüber, doch dann vergaß ich das ganze wieder. Ich hatte keine Zeit, all diese Puzzleteilchen zusammenzubringen und daraus eine Handlung zu stricken. Die Idee verschwand in der Schublade.

Eine tolle Mail

Bis zu dem Tag, an dem ich eine Mail von Carsten Polzin bekam, dem Programmleiter Fantasy des Piper Verlages. Er kannte meine Texte, und im März 2009 schrieb er dann: »Darf ich ganz generell und unverbindlich anfragen, ob Sie einmal für einen Fantasy-Roman für ein erwachseneres Publikum Zeit hätten? Vielleicht können wir mal telefonieren.«
Manche Mails lassen einen bis zur Decke springen vor Freude, und diese war eine davon. Generell und unverbindlich? Egal. Hauptsache Piper. Mein Traumverlag. Auf der Suche nach einer Idee, die ich Carsten Polzin präsentieren konnte, stieß ich auf den alten Eintrag – und diesmal sprang der Funke über. Jerusha und Kiéran nahmen Gestalt an, das Motiv der Spiegel floss in den Roman ein, und auf der Suche nach einem interessanten, am besten kreativen Beruf für Jerusha entschied ich mich für die Bildhauerei. Auf der Rückfahrt von der Leipziger Buchmesse entwickelte ich die Grundzüge der neuen Fantasy-Welt und dachte mir die wichtigsten Figuren aus, zum Beispiel Kiérans Dienstherren, der zu diesem Zeitpunkt noch Fürst AoVesta statt AoWesta hieß. Den Namen »Khorat« lieh ich mir von einer Gegend in Thailand – ich recherchierte zu diesem Zeitpunkt schon seit einiger Zeit für einen meiner Jugendromane, die dort spielten. Die Versuchung war einfach zu groß, den Namen zu klauen.

Jerusha als Fahrkartenkontrolleurin?

Schon bald war das Exposé fertig und wurde wohlwollend aufgenommen. »Das Exposé gefällt mir sehr gut, das Motiv des Fluchs ist überzeugend und interessant«, mailte Carsten Polzin, und fügte zu meinem Schrecken hinzu: »Können Sie sich aber vorstellen, den Roman auch in der wirklichen Welt anzusiedeln? Gefragt sind momentan ja eher in ›unserer‹ Welt verortete Stoffe. Was meinen Sie? Und wann könnten Sie anfangen?«
Ich quälte mir ein paar Ideen ab, über eine Jerusha, die aus der wirklichen Welt stammte, die zum Beispiel eine von ihrem Job angeödete Fahrkartenkontrolleurin war oder eine abgenervte Radiomoderatorin; die Bildhauerei war in dieser Variante ihr Hobby, eine alte Mühle das Tor in die Parallelwelt. Ihr Freund, der zu diesem Zeitpunkt Darian hieß, sollte ein lieb wirkender Zollfahnder mit bösartiger Ader sein, der auf der Suche nach Jerusha ebenfalls in der Parallelwelt landet. Doch all das fühlte sich für mich völlig falsch an, ich wollte das nicht schreiben. In dieser Variante hätte ich sowohl die Passagen aus Kiérans Perspektive als auch das Motiv der Spiegel aufgeben müssen. Zum Glück kam auch Herr Polzin schnell wieder von der Idee mit der Parallelwelt ab, und stattdessen hatte er einen ausgezeichneten Vorschlag, den wir bei unserem Treffen in München gleich diskutierten. In meiner ersten Exposé-Fassung war es noch so gewesen, dass die KiTenaro-Frauen dazu verdammt waren, von Männern, die sie lieben, verraten zu werden. Eigentlich nicht so interessant, meinte Carsten Polzin, Frauen sind ja oft genug in der Opferrolle Viel spannender wäre es, wenn der Fluch sie selbst zwang, zu Verräterinnen zu werden. Ich war sofort überzeugt und strickte die Handlung um, so dass es passte.

Mit Hammer und Eisen

Dann war die Planung dran, die den gesamten Juli 2009 in Anspruch nahm. Zum Glück war mein Fantasie-Muskel gut in Form, und jeden Tag entstanden neue Figuren, Schauplätze, Tiere, Pflanzen und Götter für Ouenda, Khorat und die Länder, die sie umgeben. Allerdings fiel es mir zu Anfang nicht leicht, einen Zugang zu Wesen wie Drachen und Elfen zu finden, die ich als schon etwas zu »abgenutzt« oder überstrapaziert empfand, aber trotzdem im Roman haben wollte. Ich las viel Tolkien und fand die Elfen dort interessant und voller Strahlkraft, aber auch zu perfekt und heroisch. Meiner Meinung nach sind Helden ohne Schwächen, ohne Brüche in ihrer Persönlichkeit uninteressant. Und so wurde zum Beispiel Kiéran, den ich von Anfang an ausgesprochen mochte, zu einem Menschen, den manche als schwierig bezeichnen würden, dafür sorgen allein schon sein Stolz und die tiefe Wut in seinem Inneren, die sich manchmal als Jähzorn Bahn bricht.
Gleich zu Anfang zeichnete ich eine Karte des Landes und Details der Orte, über die ich schreiben wollte, zum Beispiel Isdyr, die Insel der Traumweberinnen. Hilfreich war mir in dieser Zeit auch meine Praktikantin Katha, mit der ich zusammen brainstormen konnte – Jerusha und Kiéran bekamen auf diese Art neue Eigenschaften und mehr Tiefe, auch die Quellenveste fiel mir dabei ein. Parallel dazu führte ich meine Recherche zum Thema Bildhauerei weiter, interviewte den – zum Glück sehr netten – Steinmetz und Bildhauer Eike Salberg und durfte die Bildhauerin Franziska Kreipl-Poller ausführlich interviewen. Dort schwang ich einen Tag lang selbst mal den Fäustelhammer und stellte fest, dass die Bildhauerei mir ausgesprochen viel Spaß machte. Die Begeisterung meines Mannes über meine erste Skulptur (aus grünem Speckstein) hielt sich allerdings in Grenzen.

Es geht los

Meine Hauptfiguren wuchsen mir mit jedem Tag mehr ans Herz, ich brannte darauf, endlich über sie zu schreiben. Doch bis es soweit war, waren erstmal im August drei Wochen Urlaub mit der Familie dran, mein dreijähriger Sohn Robin freute sich schon auf den Bauernhof. Ich erholte mich und litt gleichzeitig unter Schreibentzug, denn der Laptop durfte natürlich nicht mit in den Urlaub. Allerdings war der Roman schon so tief in meinem Kopf und meinem Herzen verankert, dass er sich in dieser Zeit weiter entwickelte. So manches Mal lag ich morgens wach, während alle noch schliefen, und dachte darüber nach, wie ich den Anfang am besten aufziehen könnte. Schließlich hatte ich das erste Kapitel im Kopf so gut wie fertig. Und als ich Anfang September endlich loslegen durfte, da drängte der Roman förmlich aus mir heraus. Ich schrieb, so schnell meine Finger es mitmachten. Der erste Monat war ein einziger Rausch, ich stellte täglich neue Seitenrekorde auf. Jerusha und Kiéran blieben Tag und Nacht in meinem Kopf, und nicht selten stellte ich um vier Uhr früh fest, dass ich nicht mehr schlafen konnte und es mich danach drängte, weiterzuschreiben. Wie üblich mit meinem ganz eigenen Soundtrack im Ohr, den ich mir über Napster immer wieder neu zusammenstellte. Und zum ersten Mal mit unseren beiden gerade aus dem Tierheim geholten, schwer verschmusten Katern Chili und Leon auf dem Schoß oder auf dem Schreibtisch zwischen mir und der Tastatur. Zumindest Chili kapierte bald, dass es verboten war, auf die Tasten zu treten, Leon brauchte dafür etwas länger und löschte mal eben per Pfotendruck eine Mail, die ich gerade verfasste…
Wie üblich überraschten mich meine Figuren regelmäßig, zum Beispiel war ich selbst etwas erstaunt darüber, was Kiéran im Badehaus der Quellenveste tat – aber okay, warum nicht. Und was sich daraus ergab wurde zu einem schönen Seitenstrang in der zweiten Hälfte des Romans. Auch dass er im Wald von Sharedor ein magisches Objekt erbeutet, war keineswegs geplant, und ich musste mir den Kopf darüber zerbrechen, wie ich das in die Story einbaue.

Warum funkt es nicht mehr?

Nach einem Monat, in dem ich meine Energie gnadenlos verschleudert und zu wenig Schlaf bekommen hatte, ging es abwärts. Mein Mann hatte keine Zeit, weil der Abgabetermin seiner Doktorarbeit näher rückte – Feedback zum entstehenden Roman war von ihm nicht drin, zudem musste ich Kind und Haushalt alleine bewältigen. Die klassische Dreifachbelastung. Gleichzeitig geriet ich in eine der Krisen, die jedem Schreibenden (und lustigerweise auch oder sogar ganz besonders den Profis) nur allzu vertraut sind, und versank in einem Sumpf der Selbstzweifel: Taugt es überhaupt etwas, will irgendjemand das mal lesen? Es standen die Szenen an, in denen Jerusha und Kiéran sich in Cyr wiedertreffen, und zu meinem Entsetzen wollte sich das Prickeln zwischen den beiden, das bei den Sharedor-Szenen noch so deutlich gewesen war, nach der langen Trennung nicht mehr einstellen. Am liebsten hätte ich den beiden zugerufen »He, ihr beiden, was ist los mit euch?«
Verzweifelt und frustriert schmiss ich die Tastatur in die Ecke und marschierte durch die Amper-Auen, statt brav am Schreibtisch zu sitzen. Zum Glück lüftete das meinen Kopf irgendwie aus, denn danach wurde mir klar, woran es lag, dass das Wiedersehen nicht funktionierte. Ich hatte versucht, Jerusha und Kiéran ein bestimmtes Verhalten aufzuzwingen – nämlich eine viel zu große Distanziertheit. Wie sich herausstellte, wollten sie einander viel lieber um den Hals fallen, und als ich sie das tun ließ, war plötzlich alles wieder in Ordnung. Die Szenen in Cyr sind mir inzwischen mit die liebsten im ganzen Roman.
Der zweite Glücksfall war meine Freundin Isabel Abedi, die zwar auch eigentlich reichlich zu tun hatte, sich aber trotzdem die Zeit nahm und die ersten zwei Kapitel testlas. Um mir dann zu versichern, dass es keineswegs Mist war, was ich schrieb, und es ein wunderbarer Roman werden würde. Das war mir unendlich wertvoll, und das Gefühl, diesmal völlig allein und alleingelassen vor mich hin zu schreiben, wich.

Unterwegs

Der Herbst ist für eine Autorin die Saison der Lesereisen. Ich schrieb im Zug, im Haus meiner Eltern während der Buchmesse, in Hotelzimmern. Besonders die fünf Tage in Bonn waren erfrischend – wenn ich nicht gerade mit meinem Kindersachbuch über das Weltall auftrat, schloss ich mich in meinem Zimmer ein, schrieb, tanzte zu meiner Musik und blieb jeden Tag in Ouenda, so lange es ging. Schließlich verbannte ich meine Familie ein Wochenende lang zu den Schwiegereltern und schrieb Tag und Nacht durch, um den Showdown – den Kampf um Qirwen Cerak – zu Papier zu bringen. Kampfszenen fallen mir nie leicht, und ich brauchte eine ganze Weile, bis das alles stand. Mit Tränen in den Augen nahm ich mit Kiéran Abschied von Santiago. Der Schluss schrieb sich fast wie von selbst. Dann war ich auf einmal fertig. Für die Überarbeitung und die erste Korrektur blieb nicht viel Zeit, ich wollte und musste vor Weihnachten fertig werden. Denn dann war es erfahrungsgemäß vorbei mit der Arbeitszeit und außerdem musste ich die Exemplare an meine Testleser rausschicken, damit sie genug Zeit hatten, sich den dicken Wälzer durchzulesen. Einen Tag vor Weihnachten war es soweit, das Ding war fertig, und nach einem halben Tag im Copyshop konnte es auf die Reise gehen.
Das Manuskript hieß inzwischen anders, als ich es geplant hatte. Mein Arbeitstitel war einfach nur »Jerusha«, und das gefiel mir auch sehr gut, doch dem Verlag leider nicht. Mein Lektor schlug »Verflucht verliebt« vor, ich fiel fast in Ohnmacht. Und erarbeitete noch am selben Abend zehn andere Titelvorschläge, von »Elfenfluch« bis »Die Verwünschte«. Einer dieser Vorschläge, »Nachtlilien«, fand schließlich die Gnade der Lektoren. Das hatte zur Folge, dass ich den Roman noch ein bisschen umschreiben musste, aber das tat ihm gut.

Der Roman wird lektoriert

Die Testleser gaben mir wertvolle Rückmeldung, und so änderte ich noch einiges: der Schluss wurde etwas ausführlicher, Jerushas Tante Rikiwa bekam mehr Tiefe, die Umstände, unter denen der Fluch gesprochen wurde, wandelten sich, Kiéran ging drastischer mit seiner Ex-Verlobten um… und vor allem meckerten ein paar Testleser über die Kobolde, Trolle und Elfen. Solche Wesen hatte es einfach schon zu oft gegeben. Da mein Bauchgefühl von Anfang an ähnliches signalisiert hatte, beschloss ich, Trolle und Kobolde zu streichen (stattdessen ließ ich mir Eisenfresser und Hunderthänder einfallen) und die Mondelfen stark zu verändern. So wurden sie zum Volk der Eliscan. Obwohl ich gar nicht mal viel an ihnen änderte, gefielen sie mir so wesentlich besser als vorher.
Und dann war es so weit. Abgabe! Carsten Polzin überraschte mich damit, dass er den Roman sofort las – und nur zehn Änderungsvorschläge im ersten Drittel hatte, alles andere gefiel ihm sehr gut. Meine ausgesprochen sympathische Lektorin Michelle Gyo übernahm dann die eigentliche Textredaktion und strich mir noch den einen oder anderen umständlichen Satz oder unpassenden Ausdruck raus; im Zug über meinen Laptop gebeugt prüfte ich ihre Änderungen. Als nächstes ist es Zeit, die Druckfahnen zu korrigieren, dann geht »Nachtlilien« in Druck… und findet hoffentlich viele Leser, denn Ideen für eine Fortsetzung spuken mir schon lange im Kopf herum. Besonders Kiéran ist mir so ans Herz gewachsen, hat eine so starke Magie entwickelt, dass es ein Genuss wäre, ein weiteres Buch über ihn und Jerusha zu schreiben.


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Aus dem Kapitel „Zuviel Stolz“

„Du willst also hier arbeiten.“ Der junge Wirt des Tanzenden Hirschen betrachtete sie abschätzend von oben bis unten und strich sich durch seine spärlichen Haare.
„Ich weiß, ich sehe nicht sehr kräftig aus, aber das täuscht“, meinte Jerusha und versuchte es mit einem Lächeln.

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Der Schluss des Romans war ursprünglich länger, ich hatte noch beschrieben, wie Jerusha Kiéran ihrer Familie vorstellt. Im endgültigen Buch habe ich mich für einen knapperen Schluss entschieden. Aber hier auf der Homepage könnt ihr die Szene, die rausgefallen ist, nachlesen!

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